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Dienstag den 14. September 2010
Von: Wolfgang Blaffert / Cornelia Grothe
Rubrik: Jugendpolitik
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Auch wenn die Themeninseln der Kampagne neXT2020 in der Vielzahl der Angebote unterzugehen drohten, wurde die nexTkonferenz 2.0 zu einer Konferenz der Superlative – und die Teilnehmenden gingen wie selbstverständlich damit um. Weder die ungewohnten Begrifflichkeiten (Maintracks, Sidetracks, Keynotes usw.) verwirrten sie noch hatten sie Schwierigkeiten, sich in den verschiedenen Veranstaltungsformen zurecht zu finden.
Die Niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration, Aygul Özkan, ließ sich ohne Zögern auf eine Vortragsmethode ein, bei der schnelles Denken gefordert ist. Im „Pecha Kucha“ wird alle 20 Sekunden ein neues Bild an eine Wand projiziert, zu dem man 20 Sekunden lang seine Gedanken äußern kann, ehe ein neues Bild erscheint. Die Schwierigkeit für Frau Özkan lag darin, dass sie die Bilder nicht kannte. Vorgegeben war nur das Thema: „Jugendarbeit“.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten kam sie immer besser mit dieser Technik zurecht und erntete am Ende viel Applaus für ihren Stegreifvortrag. Sie versprach augenzwinkernd, diese Methode in die nächste Kabinettsrunde einzubringen.
Die erste Keynote gestaltete Zukunftsforscher Prof. Dr. Rolf Kreibich, der einen Blick auf die soziale, technologische, ökologische und ökonomische Zukunft Deutschlands warf. Zunächst machte er deutlich, dass „Zukunft“ kein Schicksal ist, das unbeeinflussbar auf uns zukommt. Die Zukunftsforschung befasst sich mit verschiedenen „Zukünften“: der möglichen, der wahrnehmbaren und der wünschbaren. Dabei kommt es auf jede und jeden Einzelnen an, einen eigenen Teil dazu beizutragen.
Kreibich traf bereits an dieser Stelle punktgenau den Nerv der gesamten Konferenz, die die Teilnehmenden zu Akteuren und Akteurinnen erklärt hatte. Nicht konsumieren war gefragt, sondern mitwirken.
Eben das ist auch die wichtigste Forderung für eine wünschbare Zukunft. Kreibich: „Wir müssen ganzheitlich denken lernen und alle mitwirken. Wir müssen uns vernetzen und selbst Verantwortung übernehmen.“
Als Grunddefizite in Gesellschaft und Wirtschaft machte er aus:
- keine Langzeit-Strategien oder –konzepte
- ein mangelhaftes Denken und Handeln in globalen Zusammenhängen
- keine überzeugenden Zukunftsperspektiven für praktisches Zukunftshandeln
An verschiedenen Beispielen zeigte er falsche Weichenstellungen der führenden Kreise in Politik und Wirtschaft auf, die eine menschenfreundliche Zukunft verhinderten. Besonders scharf kritisierte er den sogenannten Atomkompromiß der Bundesregierung.
Als Grundfehler der Ökonomie bezeichnete Kreibich das unbeirrte Setzen auf ein quantitatives Wachstum. Dabei haben verschiedene Untersuchungen ergeben, dass die Lebensqualität in den westlichen Ländern seit 1976 sinken würde. Die Alternative zum Wachstum lautet stattdessen „Entwicklung“. Das bedeutet, dass die Qualität im Vordergrund steht. Alles andere wird uns auf Dauer zerstören. Denn die natürlichen Ressourcen, die immer hemmungsloser ausgebeutet werden, sind nun einmal endlich.
Entwicklung muss daher einhergehen mit Nachhaltigkeit.
Kreibich benannte 5 Leitperspektiven:
- Verbesserung der Lebensqualität
- Erhalt und Bewahrung der natürlichen Lebensbedingungen
- Sicherung der sozialen Gerechtigkeit
- Wahrung und Förderung kultureller Eigenheiten
- Förderung menschenfreundlicher Technologie
Nach dem spannenden Pecha Kucha war der knapp einstündige Vortrag eine Herausforderung, die vor allem die jüngeren Zuhörer und Zuhörerinnen nur unter Schwierigkeiten bewältigten. Inhaltlich enthielten Kreibichs Ausführungen aber wichtige Anstöße zum Weiterdenken.
Im Anschluß wurden die Maintracks vorgestellt:
Generation 2.0 (Projektarbeit) – nexTgender – nexTmedia – nexT 2020 (Themeninseln)
Zu jedem Hauptthema gab es 3 aufeinander folgende Arbeitseinheiten, von Kurzvorträgen bis hin zu Workshops, in denen eigene Ideen eingebracht werden konnten.
Im Maintrack Generation 2.0 machte Professor Dr. Roland Roth deutlich, dass es im freiwilligen Engagement kein Nachfrageproblem gäbe, sondern eines fehlender Angebote. Beteiligung hänge ab von 2 Faktoren: von Bildung und freier Zeit. Die Verdichtung der Jugendzeit durch Schul- und Universitätsreformen schränke die Beteiligungsmöglichkeiten drastisch ein. Er plädierte für strukturell abgesicherte reale Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Dies sei gerade in Zeiten notwendig, wo sich die Rahmenbedingungen für das Engagement junger Menschen verschlechterten.
Mit Blick auf die konkreten Projekte führte Roth aus, dass der höchste Lerneffekt durch Selbstorganisation zu erzielen sei. Zugleich sei eine intensive Begleitung durch Ältere unbedingt nötig. Ebenso wichtig seien Anerkennung und Wertschätzung, indem man Kindern und Jugendlich etwas zutraut. Er schlug vor, in die Projekte jeweils kleine Weiterbildungen einzubauen. Die Projektergebnisse sollten wissenschaftlich nachvollziehbar sein und nach außen dargestellt werden können. Von besonderer Bedeutung sei der Gedanke der Nachhaltigkeit. Roth: „Es gibt zu viele Projektruinen.“
Am Ende warnte er vor einem unkritischen Umgang mit dem Web 2.0. Bildungsstarke kommunizieren, während Bildungsschwache konsumieren. Den Technik-Optimismus, den die Veranstalter mit der Web-2.0-Welt verknüpften, könne er nicht ohne weiteres teilen.
Moritz Becker (smiley e.V) und der Datenschutzbeauftragte des Landes Niedersachsen, Joachim Wahlbrink, hielten einen Vortrag zum Thema "Datenschutz in sozialen Netzwerken". Wichtigste Erkenntnis: Die Medienkompetenz ist auch eine Sozialkompetenz.
Als bedeutende Frage wurde besprochen, warum Daten geschützt werden müssen. Datenschutz ist Menschenschutz, so Wahlbrink, der das Internet insgesamt eher skeptisch betrachtet: "Das Internet ist voll Show!" Es bestehe nur aus Geschäftsideen.
Caroline Roth-Ebner sprach über „Medienkompetenz - Genderkompetenz: Empowerment durch Partizipation” und brachte einen Überblick über aktuelle Entwicklungen und einige Ideen für die Zukunft der Jugendarbeit. Die Lebenswelten Jugendlicher werden mehr und mehr von Medien durchdrungen und liefern ihnen Orientierungsvorlagen. Geschlechterhierarchien, die offline existieren, reproduzieren sich dabei auch online. Zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter gelte es, diesen Kreis zu durchbrechen.
Wolfgang Gründinger forderte in seinem Vortrag „Jugendarbeit im Jahr 2020: Herausforderungen und Chancen” mehr kreativen Aktionismus für die Jugendarbeit. Mit Fragen wie „Warum solle man nicht z.B. einen Bagger besetzen, um der eigenen Ablehnung zum Bau eines Kohlekraftwerks Ausdruck zu verleihen?” trug der Vortrag zu einer angeregten Diskussion im Themenschwerpunkt neXT2020 bei.
Wer wollte, konnte zwischendurch oder als Alternativprogramm sich an diversen Ständen zu sozialer Gerechtigkeit, Partizipation, Nachhaltigkeit und vielem mehr äußern, mit Akteurinnen und Akteuren von Projekten ins Gespräch kommen. Leider hatte die Programmplanung diesem Teil zu wenig eigene Zeit eingeräumt, so dass viele Stände nur spärlich besucht wurden. Angesichts der Mühe, die sich alle dort gegeben hatten, war das sehr bedauerlich.
Die 2. Keynote zum Abschluss lieferte Hendrik Heuermann mit einer Skizze gegenwärtiger und künftiger Kommunikation im Web 2.0. Er zeigte Beispiele demokratischer Einflussnahme seitens der Basis im Netz auf und formulierte 4 Grundregeln für einen gelingenden Medienumgang:
- Lassen Sie los (es gibt kein Besitzrecht auf Ideen)
- Vernetzen Sie sich
- Seien Sie transparent
- Pflegen Sie den Dialog
Heuermann plädierte vehement dafür, das Netz zu nutzen, um bestimmte Aktionen oder Projekte anzuschieben. Dabei sei allerdings wichtig, sie vom Netz auf die Straße zu bringen (und wieder zurück). Interessanterweise äußerten sich mehrere Jugendliche kritisch zu den verschiedenen Möglichkeiten der Webkommunikation.
Zum Eingang der Konferenz hatte Hans Schwab, Geschäftsführer des Landesjugendrings, gesagt: „Allein schießt man Tore, gemeinsam erzielt man Siege.“
Heuermanns Leitmotiv schloss sich nahtlos an: „Teilen statt herrschen!“
Im Grunde ist mit diesen beiden Sätzen die gesamte Ausrichtung der Jugendarbeit umrissen. Ihr Horizont reicht dabei sehr viel weiter. Nur wenn wir diesen Grundsätzen folgen, kann es eine Zukunft geben, die menschlich ist.
Diese Konferenz hat Marksteine gesetzt. Nun müssen sie auch ins Rollen gebracht werden – von uns allen.