Mittwoch den 20. Juni 2007
"Erinnern heißt ein Stück heilen"

Eine Generationen-Reise gegen das Vergessen Knapp 90 Jugendliche und Erwachsene aus Stadt und Kreis Nienburg auf Spurensuche im einstigen KZ Auschwitz-Birkenau.

Ein Teil der Gruppe vor dem Tor, durch das die Züge in das Vernichtungslager Birkenau einliefen,

in dem vor allem Juden aus ganz Europa an der berüchtigten Rampe aussortiert und in die Gaskammern geschickt wurden.

Die Sonne scheint über der Gedenkstätte Oswiecim-Brzezinka, besser bekannt unter dem deutschen Namen Auschwitz-Birkenau. „Das hier ist der größte Friedhof der Welt – allerdings ohne Leichen“, sagt Jozef Foks leise. Der pensionierte polnische Lehrer ist einer der Männer, der 62 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch russische Truppen Besucher vor allem aus dem Land der Täter über ein Gelände führt, das für entsetzliches Unrecht und unbeschreibliches Leid steht. Das größte und bekannteste nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager ist in der Welt zum Symbol für Völkermord geworden. Die dort verübten Verbrechen sind einzigartig in der Geschichte der Menschheit.

Unter den ungezählten Besuchern aus aller Welt waren kürzlich auch 60 Schülerinnen und Schüler aus Nienburg, Liebenau, Steyerberg und Bücken. Unter Leitung von Kreisjugendpfleger Klaus Borck und Kirchenkreisjugendwart Martin Bauer waren sie, gemeinsam mit etwa 30 Erwachsenen und Betreuungslehrern, einer Initiative des Nienburgers Hinrich Rübenack generationsübergreifend ins Nachbarland Polen zur Spurensuche in die Vergangenheit gefolgt. Zu der fünftägigen Bildungsfahrt gegen das Vergessen gehörten auch Diskussionen mit polnischen Jugendlichen sowie Besuche in Wrozlaw, dem ehemaligen Breslau, sowie in Krakau.

"Es ist unbegreiflich, dass Menschen anderen Menschen so viel Schreckliches antun können", sagt die Nienburger Gymnasiastin Marie Lechler nach dem mehrstündigen Rundgang durch das Lager Auschwitz-Birkenau. Besonders vom Leid der ermordeten Kinder waren die Jugendlichen betroffen. "Vieles von dem, was wir hier erfuhren, haben wir nicht gewusst", sagt Jan Behnemann aus Bücken auch vor dem Hintergrund neonazistischer Umtriebe im Raum Nienburg. Entsetzt steht auch der Nienburger Marcian Schendel vor den menschenverachtenden Verbrechen: "Mich haben vor allem die Todeszellen und die dort tonnenweise gelagerten geschorenen Haaren erschüttert." "Die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen müssen immer im Gedächtnis künftiger Generationen bleiben als Warnung vor einem Völkermord, der sich nie wiederholen darf", sagen Patrizia Seidel und Zoe Wojahn. Mit vielen anderen betraten sie einen Boden, auf dem täglich systematisch Menschen vergast, erschossen, erschlagen, gefoltert, erhängt oder zu Tode geschunden worden waren. 1,5 Millionen insgesamt. Nur 7000 bis auf die Knochen abgemagerte Häftlinge hatten dort überlebt. Draußen die Gassen aus einst elektrisch geladenem Stacheldraht, Baracken, Steinhäuser, der Galgen, an dem Häftlinge gehenkt wurden und ein weiterer, an dem 1947 das Todesurteil an Rudolf Höß, dem letzten Kommandanten des KZ, vollstreckt wurde.
Und die Todeswand, an der die SS-Erschießungskommandos tausende Männer und Frauen exekutierten. Es wurde totenstill an der Todesmauer, und nicht nur die Nienburger Besucher hatten einen dicken Kloß im Hals, als Diakon Martin Bauer zu Ehren der Opfer eine sehr menschliche Rede hielt. "Erinnern heißt auch ein gutes Stück heilen", sagte er, während einige Schüler ein Licht entzündeten, eine weiße Rose niederlegten und Marie Lechler sowie Patrizia Seidel Gedichte getöteter Häftlinge zitierten.

Man ahnte die Grauenhaftigkeit und das unsägliche Leid der gequälten Menschen, konnte aber nicht erahnen, wie furchtbar es damals war. Doch auch wenn man nicht die Schreie aus den Gaskammern, das Bellen der Hunde, die Kommandos der SS-Schergen oder den Gestank verbrannter Menschen vernahm, wurde das entsetzliche Grauen des nationalsozialistischen Konzentrationslagers deutlich.
Ein hoffnungsvoller Lichtblick ergab sich auf den Gelände in Auschwitz, als plötzlich mehrere polnische Schülerinnen aus Olkusz, einer etwa 45 Kilometer nördlich von Krakau gelegenen Stadt, zu der Nienburger Gruppe stießen. Sie gehörten zu jenen 30 polnischen Jugendlichen, die sich tags zuvor mit etwa 40 Nienburger Schülerinnen und Schülern in Olkusz zu gemeinsamen Gesprächen und einem Stadtrundgang getroffen hatten.

Kurzentschlossen hatten die jungen Polinnen ihre Lehrer um die Erlaubnis gebeten, sich ein zweites Mal, und zwar in Auschwitz, mit ihren neuen deutschen Freunden zu treffen. "Vielleicht ergibt sich daraus eine grenzüberschreitende Schülerinitiative, die zu einem Gegenbesuch in Nienburg führen kann", freuten sich die Organisatoren Klaus Borck und Martin Bauer. "Das wäre gelebte Völkerfreundschaft, wie sie den Sinn dieser Fahrt nicht besser ausdrücken könnte", meinte auch Ideengeber Hinrich Rübenack.

Zu der vor Fahrtbeginn in mehreren Workshops gründlich vorbereiteten Reise gehörten auch fachkundig geführte Besichtigungen der nach dem Krieg zu 75 Prozent zerstörten und von den Polen beispielhaft wieder aufgebauten Altstadt in Wrozlaw, dem früheren Breslau, sowie in der kultur- und geschichtsträchtigen einstigen polnischen Metropole Krakau. Hier wie dort hinterließen nicht nur die überall freundlichen Menschen, sondern auch die Kirchen, vor allem aber das Königsschloss Wawel sowie die Synagoge, das historische Krakauer Judenviertel mit dem alten und dem neuen Friedhof bleibende Eindrücke.


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