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Montag den 03. November 2008
Von: Jan-Hinnerk Scholljegerdes
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 von links nach rechts: Reinhard Dunkel, Dr. Manfred Grieger, Dr, Matthias Miersch, Christian Wolpers und Henning Könnemann (Moderator)
Über sechzig Jahre nach Kriegsende stellt sich – nicht allein, aber in besonderer Weise für uns hier in Deutschland – immer eindringlicher die Frage, wie sich zukünftig die „Kultur des Erinnerns“ an die Zeit des Nationalsozialismus gestalten lässt. Wie kann auch die nachfolgende Generation künftig in den Prozess des Gedenkens an die von NS-Regime ausgehenden Schrecken von Diktatur, Krieg, Verfolgung und Vertreibungen einbezogen werden? Hierzu standen im Anne-Frank-Haus des CVJM Landesverbandes Hannover e.V. in Oldau (16 km vom ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen entfernt) oben benannte Persönlichkeiten den ca. 40 Gästen Rede und Antwort. Damit beteiligte sich CVJM-Landesverband Hannover e.V. erneut mit dem Forum Anne-Frank-Haus an der bundesweiten Aktion „Miteinander reden – voneinander lernen: Politikerinnen und Politiker beim CVJM.“, für die Bundesjugendministerin Dr. Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft übernommen hat. Dabei wurde deutlich, dass es nicht ums „ob“ geht sondern um das „wie“! Wir sind den vielen Opfern aber auch uns und den folgenden Generationen eine Erinnerung an die Gräueltaten schuldig.
Sigrid Müller, Referentin für Jugendpolitik im CVJM-Gesamtverband in Deutschland, mahnte in ihrem Grußwort mehr Engagement für Freiheit und Demokratie heute an. Die größte Gefahr für die Demokratie gehe heute von der Gleichgültigkeit viel zu vieler Menschen aus.
Im Laufe der Diskussion auf dem Podium wurden verschiedene Facetten beleuchtet. Über sechzig Jahre nach Kriegsende ist die Möglichkeit direkte Zeitzeugen ihre Erlebnisse schildern zu lassen und damit eine direkte, persönliche und elementare Begegnung zu schaffen, stark eingeschränkt. In der bisherigen „Erinnerungsarbeit“ war die Begegnung mit den Zeitzeugen bisher unverzichtbar. So konnte Empathie und persönliche Berührung erzeugt werden und genau dies ist der Zugangsschlüssel für viele junge Menschen. Die meisten Zeitzeugen wollen sich dabei nicht als „Opfer“ sehen, sondern als agierende Persönlichkeit, die Geschichte anhand ihrer eigenen Erfahrung vermittelt. Diese Möglichkeit wird es in kurzer Zeit nicht mehr geben. Heute wird vermehrt die Begegnung mit Kindern der Zeitzeugen gesucht. (Zeitzeugen „2nd generation“). Christian Wolpers berichtete u.a. über die Arbeit mit Zeitzeugen. Da diese Zeitzeugen in Kürze nicht mehr zur Verfügung stehen würden, würden diese vermehrt interviewt und filmisch festgehalten um auch zukünftig Zeitzeugenberichte als „Quellen“ nutzen zu können.
Eine weitere Facette ist, dass Deutschland mehr und mehr geprägt ist von Zuwanderung und damit einhergehend einer Diversität in Bezug auf Herkunft, Ethnizität und Kulturalität der hier lebenden Menschen. Auch die Unterschiede in der Tradition der Erinnerungskultur zwischen Ost- u. Westdeutschland ist deutlich spürbar. Hier ist die Frage gestellt, ob es nicht eher eine „europäische“ als eine „deutsche Erinnerungskultur“ braucht. Für Dr. Manfred Grieger, ist es aber nicht nur wichtig, dass sich Jugendliche mit der NS-Zeit auseinander setzen, sondern auch Verantwortungsträger. So führe der VW-Konzern regelmäßig Auschwitzfahrten für Manager durch.
Gemeinsam wurde auf dem Podium diskutiert, ob alle Schüler mind. einmal in ihrer Schullaufbahn Orte wie die Gedenkstätte Bergen-Belsen aufsuchen müssen. Bei den heutigen Schülern liegt kein Bildungslücke sondern eher ein Bildungsüberdruss vor. Dr. Matthias Miersch, hält es für wichtig, dass jeder Schüler im Laufe seiner Schulzeit einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht. Für ihn persönlich seien die Begegnungen mit Zeitzeugen immer am eindrücklichsten gewesen. Diese seien durch nichts zu ersetzen. Wenn eines Tages die Zeitzeugen nicht mehr zur Verfügung stünden, seien die Orte, an denen die Verbrechen stattgefunden hätten, umso wichtiger. Dass es bei Schülern einen gewissen Überdruss am Thema Nationalsozialismus gäbe, führte er auf die Art der Vermittlung zurück, nicht auf das Thema an sich. Er sprach sich gegen die Einordnung des Nationalsozialismus als ein geschichtliches Thema unter vielen aus. Auch die Verkürzung der Schulzeit und die Umstellung auf Ganztagsschulen lässt in den Lehrplänen kaum Raum auch inhaltlich an dem Thema arbeiten zu können. Hier ist die Politik stark gefordert, dass die NS-Geschichte sich nicht in den Reigen der Geschichte einreiht, sondern eine gehobene Stellung bekommt. Es braucht aber vielmehr eine Geschichtsarbeit in der Schule, die nicht reine Wissensvermittlung ist, sondern die Schüler interessiert und anregt von sich aus Orte wie Bergen-Belsen zu besuchen. Dies kann nur funktionieren, wenn die Thematik der NS-Geschichte in den Schulen fächerübergreifend gelehrt wird. Die Überschrift hierzu muss dann „Menschenrechtsbildung“ lauten, denn nur dann wird ein Bogen geschlagen zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der Besuch von Lernorten wie Bergen-Belsen allein würde aber dem Verlauf der NS-Geschichte nicht gerecht. Diese Verbrechen haben nicht nur an Orten wie Bergen-Belsen stattgefunden, sondern auch in fast allen anderen Orten, wie Schulen, Gaststätten, Kirchen usw. Würde man die Erinnerungsarbeit nur auf die Orte der Gedenkstätten begrenzen, besteht die Gefahr des Ausweichens vor der „Lokalgeschichte“. Gedenkstättenarbeit braucht natürlich authentische Orte wie das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen, aber es muss eine Rückkopplung in die eigene Lokalgeschichte geben.
Wir wissen heute mehr den je, dass Schweigen und Verdrängung Traumata schaffen, die sich von Generation zu Generation fortsetzen, und die Vergangenheit nicht „vergehen“ lassen. Wir müssen uns immer wieder fragen, welches Menschenbild wir selbst eigentlich haben. Habe jeder Mensch einen Wert an sich oder nur, wenn er für die Gesellschaft nützlich sei? Weiter muss es eine „Entgrenzung“ zwischen Staat, Schule, Kirche, Gedenkstätten usw. geben. Die Diskutanten waren sich darüber einig, dass auch die Menschen heute anfällig seien bei Verbrechen mitzumachen, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür „stimmten“. Der einzig wirksame Schutz dagegen sei Kinder und Jugendliche zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, was ihm in seiner Konfirmandenarbeit wichtig sei, so Pastor Dunkel. Dies sei das Kontrastprogramm zur Schule, wo eine Erziehung zur Anpassung stattfinde. Es braucht eine gemeinsame, aktive gesellschaftliche Auseinadersetzung mit Schuld und Verantwortung. Erst dann gibt es die Möglichkeit dieses historische Verbrechen zu begreifen und vor allem eine Botschaft für Gegenwart und Zukunft daraus abzuleiten.
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